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Die Neugierde wurde immer größer

Stephanie Heinzeller-Scharffenberg über ihre Zeit in Ettal

Das ganze Programm auf einem kleinen Schild an der Eingangstür zur Schule: ‘humanistisches Gymnasium’ – ein gewaltiger Anspruch! Gebildet, menschlich, mit weitem Geist und großem Herzen soll man diese Schule wieder verlassen, das ist das Versprechen. In Zeiten wie diesen, weltpolitisch unübersichtlich und herausfordernd wie selten zuvor, ist ein verlässlicher innerer Kompass nötiger denn je. Riesig die Gefahr, dass man den Gartenzaun irgendwann für den Horizont hält, um mit der Fastenpredigerin Mama Bavaria alias Luise Kinseher zu sprechen. Ein Horizont, der einen kleingeistig und herzlos werden lässt, kalt gegenüber dem Nächsten.

In Ettal sind die Berge ziemlich nah, das Tal ist eng, die Welt in ihrer ganzen Vielfalt wahrzunehmen, erfordert einen weiten Blick, erfordert Lehrer, die einen weit hinaus blicken lassen und die Einblicke geben in die Menschheits- und Geistesgeschichte. Die wohl wichtigste Erfahrung im Umgang mit literarischen Texten habe ich meiner Erinnerung nach schon sehr früh gemacht, als wir uns – es muss zu Beginn der Mittelstufe gewesen sein – bei Pater Raphael mit Kafka auseinandersetzten. So verstörend, verwirrend und schwierig das im Alter von zwölf, dreizehn Jahren gewesen sein mag, für mich hat sich damals ein Fenster geöffnet und es folgte ein ziemlich abrupter Übergang aus der Enid-Blyton-Welt in die der Erwachsenenliteratur im elterlichen Bücherschrank. Wie weggeblasen war die Scheu, etwas zu lesen, was ich vielleicht in seiner gesamten Dimension noch gar nicht begriff und ich erlebte, dass sich mit jedem neuen Buch neue Erkenntnisse einstellten und die Neugierde immer größer wurde. Das sollte zum “sound” meines Lebens werden, privat wie beruflich.

Wobei mit dem weiteren Vorrücken in die oberen Jahrgangsstufen eine nicht minder wichtige Erfahrung dazukam, gesammelt in kontroversen Diskussionen. Ein Glücksfall, dass so viele Lehrer die Debattierfreudigkeit unseres Jahrgangs förderten und ihr Amüsement über die oftmals so vehement und so kategorisch vorgebrachten Argumente nicht all zu sichtbar werden ließen. Die Erfahrung, sich behaupten zu müssen, aber auch – und das scheint mir noch viel bedeutsamer – ernst genommen zu werden, bildet die Voraussetzung dafür, sich unerschrocken einzubringen. Das wohlwollende Zulassen ist das eine, das andere, die nötige Substanz zu vermitteln. Und an welcher Schule gibt es schon Gelegenheit, im Philosophiekurs existenzielle Fragestellungen kennen- und verstehen zu lernen? Pater Theodor nahm uns, den gespitzten Bleistift hinter dem Ohr, mit in die Welt der großen Denker. Unvergessen seine Begeisterung über Descartes, die uns alle den Atem anhalten ließ.
Dass daraus eine lange persönliche Verbindung geworden ist, ist ein großes Glück, ihn als Priester bei der Trauung erleben zu dürfen und später bei der Taufe unserer Kinder, ein großes Geschenk.


Bericht HeinzellerStephanie Heinzeller-Scharffenberg

ist verheiratet mit Dirk Scharffenberg und hat 2 Söhne. Sie hat 1987 ihr Abitur in Ettal gemacht, danach studierte sie Politikwissenschaften an der LMU München. Heute ist sie Leiterin der Redaktion Tagesgespräch beim Bayerischen Rundfunk und ehrenamtlich Vorsitzende des Altettaler Rings.